Schienen an den Feldern, im Hintergrund der Steigerwald

Der deutsche Weinbau steckt in der schwersten Krise seit Jahrzehnten. Die Fassweinpreise lagen laut dem Marktbericht 2025/2026 des Deutschen Bauernverbands (DBV, Januar 2026) bei 0,40 bis 0,60 Euro pro Liter – weit unter den Produktionskosten von rund 1,20 Euro. Der Konsum sinkt, billige Importweine drängen auf den Markt, und eine gesellschaftliche Debatte, die Alkohol pauschal problematisiert, verunsichert die Verbraucher zusätzlich. Der Marktanteil deutscher Weine im Inland sank laut DBV auf nur noch 41 Prozent. Die im Sommer 2025 gegründete Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau warnte im August 2025, dass 50 bis 60 Prozent der deutschen Winzerbetriebe unmittelbar vom Bankrott bedroht seien.

In Franken trifft das besonders hart. Der Fränkische Weinbauverband rechnete im Mai 2025 damit, dass in den nächsten Jahren rund zehn Prozent der Rebflächen verschwinden – darunter auch die für Franken charakteristischen Steillagen, deren Bewirtschaftung besonders teuer ist. Und das in einer Region, die mit ihren Gipskeuperböden am Steigerwald eines der herausragendsten Weißweingebiete der Welt besitzt. Hier wächst Silvaner seit 1659, hier steht der Kiliansberg bei Großlangheim mit seinem terroir-f-Aussichtspunkt, hier liegt Castell mit seinen sieben VDP-klassifizierten Weinbergen, fünf davon Monopollagen.

Die Reaktion auf sinkenden Konsum kann nicht nur darin bestehen, weniger Wein zu produzieren. Sie muss auch darin bestehen, den Wein anders zu den Menschen zu bringen. Nicht nur als Flasche im Supermarktregal, wo er gegen spanische und italienische Massenweine antritt, die er preislich nie schlagen wird. Sondern als persönliches Erlebnis, das man nicht importieren kann.

Eine Bahnstrecke mit Weinblick

Die Steigerwaldbahn durchquert auf ihrem Weg von Schweinfurt nach Großlangheim eines der besten Weinbaugebiete Frankens. Die Strecke verläuft dabei mehrheitlich so, dass man vom Zug aus direkt auf die Weinberge blickt – insbesondere auf die Hanglagen an der Abbruchkante des Steigerwaldes, wo die Steilhänge das Landschaftsbild prägen. Entlang der knapp 50 Kilometer Strecke reihen sich die Weinlagen aneinander: Der Kiliansberg und die Schwanleite bei Großlangheim, der Wutschenberg bei Kleinlangheim, die Krone bei Prichsenstadt, der Rosenberg bei Frankenwinheim, der Arlesgarten bei Gerolzhofen, Köhler und Mönchberg bei Sulzheim. Per Rad von Kleinlangheim oder Wiesentheid erreichbar liegt Castell, das Kronjuwel des fränkischen Weinbaus – der Ort, an dem am 10. April 1659 die ersten 25 Silvaner-Fechser in den Boden kamen. Der gesamte Streckenabschnitt von Großlangheim bis Gerolzhofen liegt auf Gipskeuper, dem Boden, der dem fränkischen Silvaner seinen unverwechselbaren mineralischen Charakter gibt.

Das Potenzial, entlang dieser Strecke Erlebnisse zu schaffen und darüber den Wein zu vermarkten, ist also da. Das Problem ist, hinzukommen. Denn Wein trinken und Auto fahren – das geht nicht. Wer am Kiliansberg steht und den Silvaner der Lage verkosten möchte, braucht jemanden, der nüchtern bleibt. Wer mit Freunden eine Weinprobe in Prichsenstadt oder eine Kellerführung in Castell machen will, braucht einen Fahrer oder ein Taxi – beides in einer ländlichen Region keine Selbstverständlichkeit. Eine Bahnverbindung löst dieses Problem vollständig.

Die Fahrt als Erlebnis

Touristische Sonderfahrten auf der Steigerwaldbahn sind kein subventionierter Nahverkehr, der Fahrgastpotenzial-Schwellenwerte erfüllen muss. Sie sind ein Produkt, das verkauft wird – an Gruppen, Vereine, Betriebsausflüge, Weinproben-Gesellschaften. Und sie sind ein Produkt, für das nachweislich Nachfrage besteht: Der Förderverein Steigerwald-Express hat in seiner Fahrsaison 2008 an nur vier Fahrtagen rund 1.300 Fahrgäste befördert – mit einer Kleinlok der Baureihe 310 und zwei Donnerbüchsen. Das war keine Nostalgie-Veranstaltung für Eisenbahnfreunde. Das waren Leute, die einen Ausflug in die Region machen wollten.

Der entscheidende Punkt: Die Fahrt durch die Weinlandschaft am Steigerwaldtrauf ist nicht nur das Transportmittel zum Ziel, sie ist auch selbst der Anlass. Die Leute kommen wegen des Weins, wegen der Landschaft, wegen eines Ausflugs mit Freunden. Aber die Zugfahrt macht das Ganze erst zum besonderen Erlebnis – und sie macht es erst möglich, den Wein auch wirklich zu genießen, ohne an den Rückweg denken zu müssen. Das lässt sich weiterdenken: Wenn der Zug durch die Weinberge fährt, kann auch im Zug selbst verkostet werden – Winzer aus den Orten entlang der Strecke stellen ihre Weine vor, während draußen die Lagen vorbeiziehen, aus denen sie stammen. Eine Weinprobe, bei der man den Weinberg sieht, während man den Wein trinkt. Das ist kein Gedankenspiel – auf der Ilztalbahn wird genau das bereits praktiziert, dort allerdings mit importierten österreichischen Weinen. Die Erfahrung zeigt: Die Weinabsätze bei solchen Fahrten sind sehr gut, und ein erheblicher Teil der Fahrgäste bestellt anschließend nach. Die Steigerwaldbahn könnte dasselbe Konzept mit fränkischen Weinen aus den Orten entlang der eigenen Strecke umsetzen – ein Vertriebskanal, der direkter kaum sein kann. Hinzu kommt ein Zeitfenster: Mit der Reaktivierung der Mainschleifenbahn für den regulären Schienenpersonennahverkehr fällt dort die Möglichkeit weg, solche touristischen Sonderveranstaltungen durchzuführen. Die Steigerwaldbahn kann diese Lücke füllen.

Das unterscheidet solche Sonderfahrten grundsätzlich von Angeboten wie dem Dorfschätze-Bus, der als unspezifisches Mobilitätsangebot ohne klare Zielgruppe mit dem Auto konkurriert – und verliert. Wer ein Auto hat, fährt nicht Bus zu Dorfschätzen. Eine Weinfahrt auf der Steigerwaldbahn ist das Gegenteil: ein spezifisches Erlebnis für eine klare Zielgruppe, nämlich Menschen, die Wein trinken wollen und deshalb gerade nicht fahren können. Kein Auto-Substitut, sondern Auto-Ausschluss.

Was das für die Winzer bedeutet

Für die Winzer entlang der Strecke eröffnen solche Fahrten einen Vertriebskanal, den keine Marketingkampagne ersetzen kann: den direkten Kontakt zum Kunden vor Ort. Wer auf einer Weinfahrt den Silvaner vom Kiliansberg probiert und dabei auf den Weinberg schaut, auf dem er gewachsen ist, kauft anders ein als jemand, der im Supermarkt zwischen hundert Etiketten steht. Direktvermarktung ab Hof bringt den Winzern bessere Margen als der Fassweinverkauf zu Dumpingpreisen. Weintourismus schafft genau die Situationen, in denen Direktvermarktung funktioniert.

Der Weintourismus in Deutschland generiert laut einer Studie der Hochschule Geisenheim und des Deutschen Weininstituts (Stand 2019) einen Gesamtumsatz von 5,5 Milliarden Euro pro Jahr und sichert 75.000 Arbeitsplätze. Das sind keine abstrakten Zahlen – das sind Straußwirtschaften, Heckenwirtschaften, Vinotheken, Gasthäuser, die davon leben, dass Besucher in die Weinregion kommen. Die Steigerwaldbahn kann ein Enabler sein, um solche Angebote entlang der Strecke gerade in der aktuellen Krise zu stabilisieren, neu zu etablieren und zum Nutzen der gesamten Region auszubauen.

Kein Allheilmittel, aber eine reale Perspektive

Weinfahrten auf der Steigerwaldbahn werden die strukturelle Krise des deutschen Weinbaus nicht lösen. Die hat globale Ursachen – Überproduktion, verändertes Konsumverhalten, Kostendruck – gegen die eine einzelne Bahnstrecke machtlos ist. Aber sie können auf lokaler Ebene etwas bewirken, das kein Strukturprogramm und keine Werbekampagne leisten kann: Menschen direkt an den Ort bringen, an dem der Wein entsteht. Und das ohne die Hürde, die in einer ländlichen Region sonst jeden Weintourismus ausbremst – die Frage, wer nachher fährt.

Die Gipskeuperböden am Steigerwaldtrauf bringen seit Jahrhunderten Weine hervor, die es mit allem aufnehmen können, was in Deutschland wächst. Der Reitsteig in Castell, auf dem 1659 der erste Silvaner Deutschlands stand. Der Schlossberg, dokumentiert seit 1266. Der Kiliansberg bei Großlangheim mit seinem Bocksbeutel-förmigen Aussichtspunkt. Das sind keine Marketingkonstrukte – das ist gelebte Weinkultur. Sie verdient es, erreichbar zu sein.

Die Steigerwaldbahn liegt da. Die Weinberge liegen da. Die Nachfrage ist nachgewiesen. Was fehlt, ist der Wille, beides zusammenzubringen. Wer die Strecke herausreißen will, ist auch gegen touristische Sonderfahrten – und fällt damit den Weinbauern in der Region in den Rücken. In Zeiten, in denen der Weinbau um seine Existenz kämpft, wäre das nicht nur kurzsichtig – es wäre fahrlässig.

Was Sie tun können

Sprechen Sie mit Ihren kommunalen und regionalen Politikern über das Potenzial, das in der Verbindung von Steigerwaldbahn und Weintourismus steckt – bei jeder Gelegenheit, die sich bietet. Viele Entscheidungsträger kennen die Strecke nur als stillgelegtes Infrastrukturproblem, nicht als Chance für die Region. Das lässt sich ändern. Und unterstützen Sie den Förderverein Steigerwald-Express, der sich seit Jahren dafür einsetzt, dass auf dieser Strecke wieder Züge fahren.

Stilisierte Karte der Umgebung der Steigerwaldbahn mit diversen touristischen Attraktionen, Weinlagen usw.
Weinfahrten auf der Steigerwaldbahn: Schienen führen aus der Krise
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